Abchasien: Kleiner Nachbar mit großen Problemen

Abchasien ist – neben Südossetien – der kleinste und jüngste Nachbarstaat Russlands. Wobei es sich bei dem Landstrich an der Nordküste des Schwarzen Meeres bisher nur nach Meinung Russlands (sowie Nicaraguas) um einen unabhängigen Staat handelt. Der Rest der Weltgemeinschaft betrachtet Abchasien auch nach dem Kaukasus-Konflikt im Sommer 2008 weiterhin formell und völkerrechtlich als Teil Georgiens.

Seit 1992, also faktisch seit dem Zerfall der Sowjetunion, schwelte der Abchasien-Konflikt als eine der ungelösten regionalen Sezessionen auf dem Gebiet der GUS-Staaten vor sich hin – neben den latenten, aber im Westen schon weitgehend vergessenen Krisenherden Südossetien (ebenfalls in Georgien),Berg-Karabach (in Aserbaidschan) und der Dnjestr-Republik/Transnistrien (Moldawien).

Alle diese Territorien haben sich Anfang der 90er Jahre in teils sehr blutigen und von Vertreibungen begleiteten Bürgerkriegen von jenen Staaten abgekoppelt, zu denen sie der alten sowjetischen Republik-Struktur nach gehören sollten. Dabei brachen alte ethnische Konflikte wieder auf, die von der Sowjetmacht über Jahrzehnte unterdrückt worden waren.

Vor- und Frühgeschichte des georgisch-abchasischen Konflikts Abchasien — historisch der erste Staat zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer

In griechischen Dokumenten werden die Abchasen seit ca. 500 v.Ch. erwähnt. Sie sprachen abchasisch oder ubychisch und entwickelten ein eigenes Staatswesen.

Sie wehrten sich erfolgreich gegen die Mongolen gewehrt und schließlich wurde Abchasien im 14. Jahrhundert das erste Staatsgebilde an der Schwarzmeerküste südlich der Kaukasuskette, der international anerkannt war. Abchasien war Byzantinische Provinz. Sein Statthalter erhielt schließlich aus Konstantinopol das Recht, seinen Statthalter- und Fürstentitel zu vererben. Damit war eine Keimzelle geschaffen, von der aus Abchasien in den folgenden Jahrhunderten auch auf weiten Gebieten des heutigen Georgiens zur vorherrschenden Regionalmacht wurde. Mit der Verlegung des Fürstenhofes und der politischen Zentrale nach Tiflis begann eine Zeit der Wirren. Auf dem Gebiet des heutigen Georgiens entstanden zahlreiche kleine und kleinste Fürstentümer.

Im 17. und 18.Jahrhundert wurde Tiflis abwechselnd von den Persern und dem Osmanischen Reich besetzt und geplündert. Seit der Zarin Katharina der Großen drängte auch Russland mit Macht über die Kaukasusberge nach Süden. 1776 unterstellten sich die christlichen Osseten als erstes Kaukasusvolk dem Zaren. Russland beherrscht damit den Zugang zur Passstraße nach Georgien, die Grosse Georgische Herrstrasse genannt.

Das östliche Georgien schließt schon 1783 einen ersten Schutzvertrag mit Russland. Nach und nach werden alle georgischen Regionen dem Generalgouvernement Tiflis unterstellt und die Beamten des Zaren führen der Bequemlichkeit halber für die neuen Schutzgebiete den Begriff „Georgien“ ein. 1864 annektiert Russland das Königreich Abchasien. Nur das Gebiet Adscharien unter den Fürsten Abaschidse hatte sich den Türken unterworfen, wurde islamisiert und gehörte bis zu dessen Zusammenbruch zum Osmanischen Reich.

Georgien beginnt unter Stalin eine Assimilationspolitik

Bis in die zwanziger Jahre des 20.Jahrhunderts lebten auf dem Gebiet des heutigen Abchasiens fast ausschließlich Abchasen, die im Norden ausser ihrer Muttersprache auch russich sprachen; im Süden war die Sprache der benachbarten Mengreler als Zweitsprache üblich. Nach Weltkrieg, Revolution und der Bildung der Sowjetrepublik Georgien setzte eine massive Zuwanderung von Georgiern nach Abchasien ein. Die Abchasen stellten schließlich nur noch etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Schulunterricht auf Abchasisch verboten — georgisch-abchasischer Kulturkampf 1944 bis 1989

1944 bis 1953 verbot Tiflis Schulunterricht auf Abchasisch und ließ Schulen und Hochschulen schließen. Nach heftigen Protesten musste das Verbot aber wieder zurückgenommen werden. Der georgisch-abchasische Kulturkampf eskalierte Ende der sechziger und Ende der siebziger Jahre wieder.

Ende der achtziger verschärfte sich der Konflikt zwischen Suchumi, der Hauptstadt der Autonomen Sowjetrepublik Abchasien und Tiflis, der Hauptstadt der (übergeordneten) Sowjetrepublik Georgien wieder, besonders, nachdem in Tiflis der georgische Nationalist Swiad Gamsachurdia zum Präsidenten gewählt worden war, dessen Hauptlosung lautete “Georgien den Georgiern”.

Georgien den Georgiern — Abchasien den Abchasen ? Unter Gamsachurdia erklärte Georgien sich als unabhängig von Moskau und löste sich aus dem Verband der UdSSR. Die Abchasen, die im März 1991 bei einer Volksabstimmung für den Verbleib in der Sowjetunion gestimmt hatten, wollten die Loslösung nicht mitmachen. Sie nutzten die Auflösung der Sowjetrepublik Georgien (und später der Sowjetunion insgesamt), um sich selbst für unabhängig zu erklären.

Teil II: Bürgerkrieg um Abchasien >>>

Kategorie: Allgemein, Aktualisiert am 7. Oktober 2009 von Redaktion | Anmelden